• Teilnehmer beim 1. RoundTable

    RoundTable

    Die Roundtable-Reihe »DemokratieErleben« greift zentrale Fragen der Kinder- und Jugendbeteiligung in Bund, Ländern und Kommunen auf. Entscheider aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis entwickeln Perspektiven für eine gelingende Zusammenarbeit aller Akteure bei der Verbreitung und Verankerung aussichtsreicher Beteiligungsmodelle und demokratischer Erlebnisorte.

  • Der 1. RoundTable

    Der 1. RoundTable

    »Verantwortung lernt am besten, wer Verantwortung übernimmt!« Unter dieser Maxime diskutierten zum Auftakt der RoundTable-Reihe »DemokratieErleben« am 28. Juni 2011 rund 30 hochrangige Vertreter aus Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Praxis im Hauptstadtbüro der Körber-Stiftung über Perspektiven von Demokratiebildung und Jugendbeteiligung in Deutschland.

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2. RoundTable

2. RoundTable

Wie demokratisch sind eigentlich gute Schulen?

Eine Selbstvergewisserung über den Deutschen Schulpreis

Bericht vom zweiten Gespräch der Roundtable-Reihe DemokratieErleben:
„Demokratie als Schulqualität – Der Deutsche Schulpreis“

Seit 2006 setzt die Robert Bosch Stiftung mit der Vergabe des Deutschen Schulpreises Impulse in der Entwicklung von Unterricht und Schule in Deutschland. Doch welche Rolle spielen Demokratie und Partizipation in exzellenten Schulen? Lassen sich demokratiepädagogische Qualitäten in den sechs Qualitätsbereichen ausmachen, an denen die Bewerberschulen um den Deutschen Schulpreis gemessen werden? Oder ist die Schule ein demokratiefreier Raum, wie Jugendliche nicht selten zum Besten geben, wenn sie nach ihrer Schulzeit befragt werden? Mit diesen Fragen setzten sich beim zweiten Roundtable-Gespräch der Initiative „DemokratieErleben“ auf Einladung der Robert Bosch Stiftung Experten aus Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises, Demokratie-Netzwerken, in der politischen Bildung engagierten Stiftungen sowie Vertreter der Bildungsverwaltung und Wissenschaft auseinander.


Schulen nehmen, daran erinnerte Moderatorin Sybille Volkholz, eine Schlüsselposition in der Vermittlung demokratischer Werthaltungen ein. Oft sehen die Schülerinnen und Schüler jedoch ihre Lebenswelt und ihre Erfahrungen nicht genügend einbezogen. An das Impulsreferat von Prof. Dr. Peter Fauser ergaben sich daher folgende Fragen: Wie sehen gute Gegenbeispiele aus? Und wie lassen sie sich verstärken und weiter tragen? Der Jenaer Schulpädagoge betonte, dass es solche gelungenen Beispiele bereits gebe und der Deutsche Schulpreis dies eindrücklich beweise. Sein Referat widmete sich folglich der Analyse solcher Schulen. Im Fokus der Forschung: die Einzelschule. Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen, so das Ergebnis vieler Studien, sind markanter als Unterschiede, die aus Schulform bzw. Schulsystem resultieren. Jede Schule besitzt demnach ihre eigene Geschichte und Kultur. Und in ihnen obwalte eine ureigene „praktische Vernunft“, die sich in den guten Beispielen als „adaptive Routinen“ erweise: ein permanenter Lernprozess, der Profession und die Institution Schule nachhaltig verändere.

Demokratie und Partizipation als innerer Entwicklungsmotor guter Schulen

Die Integration aller Beteiligten – Schüler, Lehrer, Eltern und des Schulumfeldes – sei dabei elementarer Teil und Motor ihrer Entwicklung. Maßgabe von Unterricht und Schule ist ein verständiger und achtungsvoller Umgang. Intensiv fördern sie sowohl Leistung als auch Verstehen und das in heterogenen Lernwelten. Ihr Schulleben animiert vielfältig zur Übernahme von Verantwortung. Wert- und welthaltige Projekte sind fest verankert in ihrem Programm. „Proaktiver“ Chancenausgleich und Leistungsförderung greifen eng ineinander. Und bis in die Gremien hinein spiegeln sich in ihnen Partizipation und Demokratie. Fausers Fazit: „Eine gute Schule ist immer eine demokratische Schule“ – wie er zugleich im Einzelnen an den sechs Qualitätsbereichen des Schulpreises verdeutlichte.

Viele Wege führen zu einer guten, demokratischen Schule

Der Weg zu einer guten und demokratischen Schule könne sehr unterschiedlich verlaufen, so Fauser, da Schulen aufgrund ihrer Geschichte und Kultur eigene Stile und Handlungsmuster entwickelten. Das Johann-Schöner-Gymnasium aus Karlstadt und die Grundschule Süd aus Landau, beide Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises, zeigten anschließend solche individuellen Wege auf. Im ersten Fall stand am Anfang ein Schulleitbildprozess. Über die Jahre entwickelte sich die Schule so zu einem Ort, an dem sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren Interessen und Bedürfnissen vollständig angenommen fühlen. Sie sind, ebenso wie die Eltern und alle Lehrer, aktiv eingebunden in einen beständigen Entwicklungsprozess, der ein ungemein reichhaltiges, förderndes wie forderndes Schulangebot hervorbringt. Der Kern davon sei, so Schulleiter Albert Häusler, eine gelebte Kultur der Gleichberechtigung. Man verstehe sich als „Schöner-Familie“. In der Grundschule Süd sind es indessen andere Schwerpunkte: ein durch und durch auf Eigenverantwortung angelegtes Lernen sowie eine von Beginn an geförderte Kultur der Schuldemokratie – zwei Säulen, die nicht voneinander zu trennen sind, wie die stellvertretende Schulleiterin Susanne Roth-Wiesner mit ihrer Präsentation eindrücklich vor Augen führte. Ein offener Anfang, individuelle Tagesabläufe und Lernverträge sowie eine eigens eingerichtete „Neugierzeit“, die das Lernen der Kinder konsequent an deren Fragen und Interessen ausrichtet, Klassenräte, Abgeordneten- und Schulversammlungen sind nur einige Beispiele, die zeigen, wie Eigenverantwortung und Partizipation den Schulalltag in dieser Grundschule prägen.

Die zentrale Botschaft: die „Selbsterfahrung“ von Schulen zulassen

Die anschließende Diskussion warf viele Fragen auf. Sie kreisten vor allem um das Thema einer aktiven Steuerung solch beispielhafter Schulentwicklungen. Die gute Botschaft aus der Praxis: Weder Bildungsferne noch Schichtzugehörigkeit sind relevantes Kriterium, das über Partizipation und ein aktives Engagement in der Schule entscheidet. Schwieriger tat sich die Runde, Antworten auf die Transferfrage zu finden. Förderinstrumente wie die Akademie des Deutschen Schulpreises enthielten jedoch bereits tragfähige Elemente, wie Peter Fauser unterstrich. Externe Steuerungsmechanismen scheiterten dagegen zu oft. Viel wichtiger, so der einhellige Tenor, sei die „Selbsterfahrung“ der Schulen, die man zulassen müsse. Der Weg zu neuen Routinen und ein Mehr an Partizipation und Demokratie bräuchten meist viele Jahre. Ermunterungen, Unterstützungsmaßnahmen, fachlicher Austausch und würdigende Auszeichnungen bestärkten aber den einmal eingeschlagenen Weg, so die Schulpraktiker, und ermöglichten eine professionelle Sicht von außen auf die Domäne Schule. Die Initiierung von Engagement und die Übernahme von Verantwortung für die eigene Schule und der in ihr gelebten Demokratie setzten allerdings stets selbstaktive Prozesse voraus.
Nicht nur deswegen kann man sicherlich ein Fazit als unbestritten festhalten: Demokratie als Prozessqualität ist aus einer guten Schule nicht wegzudenken. Wie man dies in der bundesdeutschen Bildungslandschaft derweil auf einen breiteren Sockel zu heben vermag, bleibt zu diskutieren.

Text: Heinfried Tacke
Redaktion: Robert Bosch Stiftung