• Teilnehmer beim 1. RoundTable

    RoundTable

    Die Roundtable-Reihe »DemokratieErleben« greift zentrale Fragen der Kinder- und Jugendbeteiligung in Bund, Ländern und Kommunen auf. Entscheider aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis entwickeln Perspektiven für eine gelingende Zusammenarbeit aller Akteure bei der Verbreitung und Verankerung aussichtsreicher Beteiligungsmodelle und demokratischer Erlebnisorte.

  • Der 1. RoundTable

    Der 1. RoundTable

    »Verantwortung lernt am besten, wer Verantwortung übernimmt!« Unter dieser Maxime diskutierten zum Auftakt der RoundTable-Reihe »DemokratieErleben« am 28. Juni 2011 rund 30 hochrangige Vertreter aus Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Praxis im Hauptstadtbüro der Körber-Stiftung über Perspektiven von Demokratiebildung und Jugendbeteiligung in Deutschland.

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1. RoundTable

Jugend beteiligen – Demokratie bilden: Wie gelingt der Schulterschluss von Zivilgesellschaft und Staat?

Bericht vom Auftakt der RoundTable-Reihe DemokratieErleben

»Verantwortung lernt am besten, wer Verantwortung übernimmt!« Unter dieser Maxime diskutierten zum Auftakt der RoundTable-Reihe »DemokratieErleben« am 28. Juni 2011 rund 30 hochrangige Vertreter aus Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Praxis im Hauptstadtbüro der Körber-Stiftung über Perspektiven von Demokratiebildung und Jugendbeteiligung in Deutschland.

»Während junge Menschen im familiären Umfeld heute weitreichend mitbestimmen, bemängeln knapp 85 Prozent aller befragten Kinder und Jugendlichen, in der Schule und an ihrem Wohnort wenig bis gar nicht mitentscheiden zu dürfen«. Mit diesen Befunden aus einer aktuellen ZDF-Studie verdeutlichte Prof. Dr. Waldemar Stange, Prodekan der Fakultät Bildung und Leiter des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Universität Lüneburg, in seinem Einführungsvortrag die aktuelle Lage zur Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland.

Vielfalt gelungener Praxis

Warum ist das so? An erprobten Modellen für demokratisches Erfahrungslernen und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen mangele es jedenfalls nicht, das stellte Waldemar Stange klar. Es gebe viele gute Beispiele, sei es in der Schule oder im Jugendclub, in der Stadtversammlung oder im Sportverein. In zahlreichen Projekten, Initiativen und Förderprogrammen engagieren sich Bildungseinrichtungen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Kommunalvertreter für eine wirksamere Beteiligung junger Menschen. In der Regel wirken diese Beteiligungsangebote jedoch nur als Vorzeige-Projekte mit geringer Reichweite. Selten gelingt es, sie die Fläche zu tragen und im Alltagserleben junger Menschen verlässlich zu verankern.

Kein Erkenntnisdefizit – ein Umsetzungsdefizit!

Die Teilnehmer des RoundTable-Gesprächs bestätigten: Wir wissen faktisch schon jetzt alles Erforderliche über geeignete Beteiligungsformen und -strategien, über geeignete Themen und ein breites Spektrum an Methoden. Wir wissen, dass es geht und wir wissen, wie es geht. Woran es hapert, ist die Umsetzung dieser Ansätze und die strukturelle Verankerung in der Fläche.

Von Beteiligungsinseln zur Beteiligungslandschaft?

Beispiele wie die Stadt Mohnheim am Rhein sind noch immer Ausnahme statt Regel: Hier wurden die Bereiche Jugendhilfe und Bildung, Familie und Soziales systematisch zu einer »Präventions- und Bildungskette« umgebaut, die die gesamtkommunalen Bemühungen im Feld der Kinder- und Jugendbeteiligung bündelt und absichert. Mit Erfolg: Mohnheim ist mit vielfältigen, verlässlichen und verzahnten Bildungs-, Begleitungs-, Beteiligungsangeboten zu einer der kinder- und jugendfreundlichsten Städte Deutschlands geworden.

Andernorts sind die Rahmenbedingungen für Kinder- und Jugendbeteiligung vergleichsweise schlecht entwickelt. Kinder- und Jugendbeteiligung steht auf der politischen Agenda weit unten, wird selten als ressortübergreifende Aufgabe mit langfristiger Zeitplanung wahrgenommen. Es fehlt an Mitteln und partizipationsgeschultem Personal. Hinzu kommt, dass das Feld der Kinder- und Jugendbeteiligung stark fragmentiert ist; Beteiligungsangebote in Schule, Jugendarbeit und Gemeinde laufen nebeneinander her, sind nur selten mit dem kommunalen Politik- und Verwaltungssystem verzahnt. Was meist fehlt: Ressortübergreifende lokale Netzwerke und ein kommunales Gesamtkonzept »aus einem Guss«.

Eine Frage der Haltung

Oft scheitert Jugendpartizipation auch an Widerständen und Vorbehalten bei Entscheidern und Multiplikatoren. Darin waren sich die Diskutanten einig: Wirksame – das heißt ernstgemeinte – Mitbestimmung gelingt nur, wenn Erwachsene bereit sind, in wichtigen Fragen ein Stück weit Macht an junge Menschen abzugeben. Konkret bedeutet das auch finanzielle Zugeständnisse – zur Absicherung von Partizipationsprozessen, aber auch zur Umsetzung der Partizipationsergebnisse. Nicht an einer Beteiligungsbereitschaft auf Seiten der jungen Menschen mangelt es also in vielen Fällen, sondern an einer gelebten Beteiligungskultur auf Seiten der Erwachsenen. Partizipation muss gewollt sein.

Beteiligen will gelernt sein

Für einen grundlegenden Wandel sei die Aus- und Fortbildung ein zentraler Hebel, unterstrichen mehrere RoundTable-Gäste. Für Verwaltungsmitarbeiter gelte dies genauso wie für Lehrkräfte und Pädagogen. Nur wer bereits in der Ausbildung für die Potentiale partizipativer Verfahren sensibilisiert werde und sich mit bewährten Methoden vertraut mache, wende sie später auch an. »Anstifter« für Kinderbeteiligung brauchten »Ermutigungsplattformen und Erfahrungsaustausch, Netzwerke und fachliche Begleitung.«

Um Überzeugungsarbeit leisten zu können, ist es wichtig, die Potentiale von Jugendpartizipation stärker in den Blick zu rücken. Denn Beteiligung ist kein Selbstzweck: Gerade Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien können über die Erfahrung von Eigenwirksamkeit an Selbstwertgefühl gewinnen. Diese Zielgruppe gilt es stärker als bisher in den Blick zu nehmen. Die aktive Mitgestaltung der eigenen Lebenswelt stärkt – auch über unterschiedliche kulturelle Hintergründe hinweg – eine gemeinsame Identität und kann Integrationsprozesse befördern.

Für einen Brückenschlag zwischen Schule und Gemeinde

Wo also liegen die aussichtsreichsten Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Verankerung von Kinder- und Jugendpartizipation? An der Schnittstelle zwischen Schule und ihrem kommunalen Umfeld, so Dr. Michael Freitag, Bildungsmanager für Bürger-/Kinder- und Jugendbeteiligung in Hamburg-Eimsbüttel in seinem Kommentar zum Vortrag von Professor Stange: »So begrenzt die Reichweite außerschulischer Beteiligung ist, so blutleer ist leider vielerorts immer noch die schulische politische Bildung«.

Beide »Systeme« könnten von einer engeren Zusammenarbeit also nur profitieren: Lokale Partizipationspolitik gewinne in der Zusammenarbeit mit Schulen an Legitimität und Repräsentativität – denn hier erreiche man alle Kinder und Jugendlichen. Demokratiebildung in der Schule gewinne durch eine stärkere Öffnung nach außen an Ernstcharakter und Lebensweltbezug. Demokratiebildung sei dabei nicht Aufgabe eines einzelnen Unterrichtsfaches, sondern der Schule insgesamt, bestätigten auch die Diskutanten. Schule könne Organisatorin eines fruchtbaren Brückenschlags zwischen Zivilgesellschaft und Staat sein.

Vor allem die Ganztagsschulentwicklung eröffne aussichtsreiche Gestaltungsspielräume, um Schule und Kommune systematisch miteinander zu verknüpfen, dies zeigte die Diskussion der RoundTable-Gäste. Schulentwicklung könne und solle daher künftig noch stärker auf Demokratieerziehung fokussiert werden, denn ein modernes Verständnis von kompetenzorientiertem und individualisiertem Lernen setze Mitbestimmung voraus. All dies gelte auch bereits für den vorschulischen Bereich – Beteiligung brauche frühe Anfänge.

Verantwortungsgemeinschaften stärken

»Die große Chance der heutigen Runde liegt meines Erachtens darin, dass wir über unseren jeweiligen Tellerrand schauen und gemeinsam überlegen, wo eigentlich mit der größten Hebelwirkung angesetzt werden kann«, unterstrich Dr. Michael Freitag. Lebensweltbezogenes Erfahrungslernen im kommunalen Raum zu stärken und Bildung und Beteiligung zielgerichteter aufeinander zu beziehen, sei eine Aufgabe, die nur im Zusammenspiel von Akteuren aller Handlungsfelder gelingen könne, unterstrich auch Dr. Lothar Dittmer, Vorstandsmitglied der Körber-Stiftung.

Sybille Volkholz, Moderatorin des RoundTable-Gesprächs, fragte hinsichtlich der Gelingensbedingungen erfolgreicher Verankerung nach dem Beitrag, den jeder in seinem Arbeitsfeld individuell dazu leisten könne. Am Ende der RoundTable-Reihe könnten Verantwortungsgemeinschaft stehen, in denen die verschiedenen Handlungsfelder stärker als bisher an einem Strang zögen. Dies setze die Bereitschaft aller Beteiligten voraus, mit Blick für das »große Ganze« die jeweils eigenen Potentiale und Perspektiven einzubringen.

Die RoundTable-Reihe ist Teil der zivilgesellschaftlichen Initiative »DemokratieErleben. Gemeinsam für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen«. Weitere RoundTable-Gespräche auf Bundes- und auf Landesebene und zu verschiedenen Themenschwerpunkten folgen ab Herbst 2011.